Inhaltsverzeichnis:
0 Polen
1 Geografie
1.1 Städte
2 Bevölkerung
2.1 Religion
3 Geschichte
3.1 Gründung, Mittelalter-
und Neuzeit
3.2 Teilung und neue
Unabhängigkeit Polens
3.3 Sozialismus-
bis Beitritt
in die
Europäische Union
4 Politik
4.1 Nationale Feiertage
4.2 Bildungswesen
5 Verwaltungsgliederung
6 Infrastruktur
7 Wirtschaft
8 Kultur
8.1 Deutsch-Polnisches Jahr
9 Tourismus
10 Weitere Themen
11 Literatur
12 Weblinks
13 Immobilien
14 Reisen
15 Bücher
16 Reisegewinnspiel
17 Reisenewsletter
Weitere
Länder
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Geschichte - Polen
Neolithikum
Die erste Besiedlung Polens ist im Paläolithikum nachgewiesen. Die ersten Ackerbauern in Polen gehörten zur Bandkeramischen Kultur, seit etwa 5500 v. Christus. Die Tiefebene wurde erst in der Trichterbecherkultur neolithisiert.
Bronzezeit
Die Kulturen der frühen Bronzezeit entwickelten sich aus der "Kugelamphorenkultur" und der "Schnurkeramik". Die wichtigste Kultur der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit war die Lausitzer Kultur. Die Siedlung Biskupin wurde seit den 1920ern ausgegraben und die Rekonstruktion einer befestigten Siedlung der Lausitzer Kultur zieht heute zahlreiche Besucher an.
Eisenzeit und Antike
Zwischen 1000 und 750 v. Chr. wanderten in den Nordwesten des heutigen Polen germanische Stämme ein, die sich um 500 v. Chr. etwa bis zur Grenze des Riesengebirges nach Süden ausbreiteten. Publius Cornelius Tacitus bezeichnete um 75 die Weichsel als Ostgrenze des germanischen Siedlungsgebietes. Er lokalisierte die Rugier und Gepiden entlang der Ostsee, Burgunder und Goten auf mittlerer Höhe, sowie die Vandalen und Bastarnen im Süden. Die Goten begannen seit Ende des 2. Jahrhunderts in Richtung Süden und Osten zu wandern. Im 5. Jahrhundert endete die germanische Besiedelung. Ob und inwieweit dies mit dem großen Vorstoß der Hunnen nach Gallien im Jahre 451 zusammenhängt, ist historisch umstritten.
Spätantike und Frühmittelalter
Erst danach begannen slawische Stämme, wahrscheinlich auf Druck der Awaren, um 550 von Osteuropa kommend, sich in den fast menschenleeren Gebieten anzusiedeln. Wie einst seit 375 die Hunnen, hatten im 6. und 7. Jahrhundert die Awaren die Völker in Bewegung gesetzt und die politische Karte Europas verändert. Sie rissen die Slawen aus ihrer Heimat zwischen Karpaten und Don nach Westen und Süden mit sich fort und setzten sich, nachdem sie im Verbund mit den Langobarden das Gepidenreich im heutigen Rumänien 567 vernichtet hatten, gleich den Hunnen in der Donau-, Theiß-Ebene fest, von wo aus sie den Rest Europas bedrohten. Im Westen waren es vor allem die Reiche der Langobarden und der Franken und im Südosten das mächtige Oströmische Reich (Belagerung Konstantinopels 626) .
Die Westslawen hatten um 600 die Elbe-Saale-Linie überschritten. Es werden diverse westslawische Stämme erwähnt, wie die Abodrites, Veleti, Liutici, Sorben, wie auch der Stamm, aus dem sich die späteren Polen entwickeln sollten, die Polanen. In der althistorischen Forschung wird diskutiert, ob die slawischen Stämme zwischen der Weichsel und Elbe-Saale-Linie auf germanische Restbevölkerung trafen und wie ein möglicher erster Siedlungskontakt verlief. Der Umstand, dass Flussnamen wie z. B. Weichsel vermutlich germanischen Ursprungs sind, wird als Indiz gedeutet, dass Slawen Sprechkontakt mit verbliebenen germanischen Bewohnern hatten.
Die ersten Versuche einer Staatenbildung unter den Westslawen fanden südlich des heutigen Polen auf dem Gebiet Tschechiens und der Slowakei statt. Um 626 wurde im Kampf gegen das Awaren- und Frankenreich der erste slawische Staat gegründet, das Reich des Samo. Im Kampf gegen die Franken und nach der fehlgeschlagenen Belagerung der Wogastisburg durch den Frankenkönig Dagobert I., schloß sich Derwan, Herzog der Sorben (Dervanus dux gente Surborium que ... ad regnum Francorum iam olem aspecserant), Samo an. Er war der erste historisch fassbare Herrscher der Nordwestslawen, über den die Quellen zu 632 berichten. Nach dem wahrscheinlichen Auseinanderbrechen des Samo-Reiches gegen 660 verlieren sich jedoch die Spuren, da bis 800, der Zeit Karls des Großen, kaum schriftliche Quellen über die Westslawen verfügbar sind. Die schriftlichen Quellen setzen erst am Ende des 8. Jahrhunderts ein, im Zusammenhang mit dem Kampf der Franken gegen die Awaren zwischen 791 - 803. Um 805 wurde zur Sicherung der nördlichen Ostgrenze der Limes Sorabicus an der Elbe, die sorbische Grenzmark errichtet. In den Sachsenkriegen 772 - 804 unterwarf Karl der Große die heidnisch gebliebenen Sachsen (Heimatgebiet war das heutige Niedersachsen und Westfalen) und gab den östlichen Teil Sachsens den slawisch-heidnischen Polaben (siehe auch Wendland), welche mit ihm im Kampf gegen die Sachsen verbündet waren, zur Besiedlung frei. In den von Karl eroberten ehemaligen awarischen Gebieten (Pannonische Marken) entstanden lose dem Frankenreich angehörende slawische Fürstentümer. Bedeutende Rollen spielten vor allem das Mährische und das Nitraer Fürstentum, aus denen sich das spätere Reich der Großmährer um 830 herausbilden sollte. Unter Sventopluk gegen Ende des 9. Jahrhunderts erreichte dieses Reich seine größte Ausdehnung und dehnte sich auch auf die Gebiete des heutigen Polens Schlesien und Kleinpolen aus. Auch war Böhmen ein Teil dieses Reiches. Nach dem Zusammenbruch der Großmährer um 900 stand dann Böhmen bis 973 unter dem kirchlichen Einfluß des ostfränkischen Bistums in Regensburg. Nach der Gründung des einheimischen Bistums Prag wurde es der kirchlichen Administration des Erzbistums Mainz unterstellt.
Die direkte Grenze mit christlichen Mährern forcierte die politische Vereinigung polanischer Kräfte in der Hand einer Zentralgewalt. Das Reich der Polanen wurde nach großmährischem Muster aufgebaut. Im 9. Jahrhundert berichtete ein Bayerischer Geograph erstmalig über die slawischen Stammesstrukturen im heutigen Polen. Der Slawenapostel Methodius sprach von einem mächtigen Staat der Wislanen, der bereits nach slawisch-griechischem Ritus christianisiert gewesen sein soll. Der weitere Weg zu einer eigenständigen staatlichen Entwicklung wurde aber wahrscheinlich durch ungarische Raubzüge zu Beginn des 10. Jahrhunderts unterbunden. Unter ihrem Fürst Arpad drangen die Magyaren nach Mitteleuropa vor und wüteten dort länger als ein halbes Jahrhundert. Erst deren vernichtende Niederlage, die sie 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg gegen den deutschen König Otto I. hinnehmen mussten und die zum vollständigen Rückzug ins ungarische Stammland führte, öffnete den Weg zur Konsolidierung des Staatsgefüges unter den ersten Piasten.
Die Zeit war günstig dazu, denn auch die deutschen Könige und Kaiser machten keine Anstalten, ihr eigenes Reich gen Osten auszuweiten (siehe Deutsche Ostsiedlung). Es wurden in karolingischer Tradition Grenzmarken errichtet, die anfangs dem Schutz des Heiligen Römischen Reiches vor den heidnischen Slawen dienen sollten. Die deutschen Könige schickten sich an, auch Könige der Langobarden im alten römischen Kernland Italien zu werden (siehe auch Lombardei, Land der Langobarden) - eine Voraussetzung, um die Kaiserwürde zu erhalten und damit die Führungsrolle und das Primat in der abendländischen Christenheit.
Staatsgründung und die ersten Piasten 960 - 1138
Mieszko I. und die Christianisierung Polens
Um 960 trat Polen aktiv auf die politische Bühne Europas. Das Land, dessen Name sich vom westslawischen Stamm der Polanen ableitet (siehe auch Slawen), ist als Herzogtum im frühen 10. Jahrhundert von Posen und Gnesen aus gegründet worden. Es wurde von 960 bis 992 vom Herzog Mieszko I. aus der Dynastie der Piasten regiert. Das weiß markierte Gebiet auf der Karte repräsentiert die ungefähre Größe des polnisches Staates um das Jahr 960 zu Beginn der Herrschaft Mieszkos. Da es sich um eine recht alte Karte handelt (19 Jh.?), ist das dort erwähnte Datum 992 falsch.
963 - 967 wurde das junge Staatswesen und Mieszko selbst das erste Mal schriftlich erwähnt, daher gilt dieses Datum oft als das erste in der polnischen Geschichtsschreibung. Der Anlass sind die Einfälle des Grafen Wichmanns des Jüngeren, eines abgefallenen sächsischen Vasalls des deutschen Königs Otto I. und seines Verbündeten im heidnischen Wendland, des mächtigen Markgrafen Gero aus der Ostmark. Im Zuge dieser Kämpfe wurde Mieszko vom Markgraf Gero und seinem Verbündeten Wichmann besiegt und für einen Teil seines Herrschaftsgebietes (Region um Lebus), dem Heiligen Römischen Reich tributpflichtig gemacht.
965 kam es zu einem Bündnis mit den bereits christlichen Tschechen. Mieszko I. ließ sich römisch-katholisch taufen und heiratete die böhmische Herzogstochter Dubrawka, aus dem Geschlecht der Przemysliden. Damit hoffte er zu verhindern, dass Polen zwischen missionseifrigen Nationen aus dem Westen aufgerieben wurde und konnte zum anderen, unter dem Vorwand der Heidenmission, die eigenen Grenzen ausweiten. Es wurde ein unabhängiges Missionsbistum in Posen gegründet. Die Annahme des Christentums war zweifelsfrei eine rein politische Entscheidung, bedingt durch den Druck des Heiligen Römischen Reiches.
967 zahlte sich das Bündnis mit Böhmen das erste Mal aus. Mit Hilfe przemyslidischer Reitertruppen schlug Mieszko I. den Grafen Wichmann, den militärischen Anführer des slawischen Wolinerbundes, der seinen Vorstoß gen Pommern mit Hilfe der Woliner verhindern wollte, in die Flucht. Sein Schwert lieferte Mieszko, als amicus imperatoris ("Freund des Kaisers", so wurde er seit seiner Taufe genannt), dem Kaiser aus. Wichmann selbst starb auf der Flucht.
Auf der Grundlage eines im Innern gefestigten Staatswesens wurden in den Jahren 967 - 979 ganz Hinterpommern mit Stettin und Pommerellen mit Danzig (Gründung einer Festung bei Danzig 979) unterworfen. Ein Zugang zur Ostsee bedeutete unmittelbaren Kontakt mit Skandinavien. Mieszkos Tochter aus der Ehe mit Dobrawa, Swietoslawa, heiratete König Sven von Dänemark und wurde die Mutter Knuts des Großen.
972 wurden die Truppen des Markgrafen Odo (Hodon) an der unteren Oder in der Nähe von Zehden besiegt und in die Flucht geschlagen, Tod des einzigen bei Namen bekannten Bruders von Mieszko, Czcibor. Der Sieg über Odo bedeutete die Sicherung der Westgrenze. 973 kam es dann zu einem Verständigungsfrieden mit dem Heiligen Römischen Reich bzw. Odo, auf dem Quedlinburger Hoftag, wo Mieszko als "Freund des Kaisers" (amicus imperatoris) seinen persönlichen Treueeid leistete. Inwieweit und ob überhaupt damit Polen in ein Lehnsverhältnis zum Heiligen Römischen Reich eintrat, ist historisch umstritten.
981 Verlust der wichtigen Tscherwenischen Burgen (Galizien) und somit die Kontrolle über die West-Osthandelspassage zu Gunsten des Kiewer Großfürsten Wladimir I., der die schwierige militärische Lage der Piasten im Westen für sich selbst auszunutzen wusste.
986 bestätigte Mieszko seinen Vasallenstatus (Tributpflicht) abermals, indem er dem noch minderjährigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches - Otto III. - wiederum in Quedlinburg huldigte. Er führte in seinem Namen einen Heidenfeldzug gegen die Elbslawen an. Bei den Rechtsvertretern des kindlichen Kaisers konnte er hierdurch auch auf Hilfe bei der Eroberung Kleinpolens und Schlesiens setzen.
Nach dem Tod von Mieszkos erster christlichen Frau Dubrawka 977 und seiner Heirat mit der Sächsin Oda von Haldensleben erfolgte ein Bruch zwischen Polen und Böhmen. Es kam zur Entfremdung zwischen den Staaten, was schließlich 989 - 999 zum Krieg führte. In diesem Konflikt wurden Schlesien, Kleinpolen, Mähren und die Slowakei erobert.
Im Jahr vor seinem Tod stellte der erste historisch belegte Herrscher Polens sein gesamtes Land unter den Schutz des Papstes (politischer Gegenspieler des Kaisers im Mittelalter). Polen wurde päpstliches Lehen (siehe auch Peterspfennig). Er verstarb im Jahr 992 und liegt in der Kathedrale zu Posen begraben. Sein Nachfolger wurde sein Sohn aus der Ehe mit Dubrawka Bolesław der Tapfere.
Boleslaw der Tapfere und der erste Aufstieg zur Großmacht
992 teilte Mieszko I. sein Reich in altslawischer Tradition unter seinen Söhnen Boleslaw (aus der Ehe mit Dubrava) und Swietopelk, Lambert, Mieszko (jun.) aus der Ehe mit Oda auf. Boleslaw brach jedoch mit dem Willen des Vaters, indem er, sicherlich unterstützt durch eine starke Gruppe einflussreicher Magnaten, seine Stiefmutter und seine Halbbrüder in das Heilige Römische Reich vertrieb. Die Reichseinheit wurde wiederhergestellt. Boleslaw schloß an die Politik seines Vaters "Bündnis mit dem Reich" als Tributpflichtiger (keine Lehnspflicht) an und unterstützte 995 den für volljährig erklärten Kaiser Otto III. bei der Verteidigung des christlichen Glaubens, indem er sich, gemäß der Quedlinburger Absprache von 991, an dessen Kampf gegen die heidnischen Elbslawen beteiligte, der jedoch weitgehend erfolglos blieb. Der östliche Teil der Nordmark (Brandenburg) blieb bis ins 12. Jahrhundert unter polnischem Einfluß, der sein Zentrum in der Region um Lebus hatte.
Im Rahmen der Christianisierung der baltisch-pruzzischen Stämme an der Ostsee kam der Bischof Adalbert von Prag 997 nach Polen, von wo er mit polnischer Unterstützung in das Pruzzenland gelangte. Dort wurde er jedoch bei Fischhausen ermordet. Boleslaw löste den Leichnam Adalberts aus und setzte diesen in der Kathedrale zu Gnesen bei. Allerdings wurde dieser schon 1038, nach dem polnisch-böhmischen Krieg, nach Prag entwendet. Adalbert wurde bereits 999 von Papst Silvester II. heilig gesprochen. Dies erleichterte das Bestreben des Herzogs um die Errichtung einer unabhängigen Kirchenprovinz in Rom ungemein, sodass schließlich Kaiser Otto III. und Papst Silvester II. diesem Wunsch entsprachen.
Im Jahre 1000 pilgerte der römisch-deutsche Kaiser Otto III., zu dem Boleslaw ein freundschaftliches Verhältnis hatte, an das Grab seines Freundes, des Märtyrers Adalbert in Gnesen, um als Staatsakt sein Reichskonzept von der »Renovatio Imperii Romanorum« zu verkünden. Ein Konzept, in dem Polen, als Slawenland, eine gleichrangige Stütze am Gebäude des "Imperiums" war, genauso wie Gallia oder Germania.
Es wurde für die slawischen Provinzen das Erzbistum Gnesen errichtet, mit Adalberts Bruder Gaudentius als erstem Erzbischof von Gnesen, dem die neugegründeten Bistümer Kolberg, Krakau und Breslau unterstanden. Die Errichtung einer unabhängigen Kirchenprovinz war ein erster Grundpfeiler der Emanzipation Polens vom Heiligen Römischen Reich. Während dieses Besuches erkannte Otto III. offiziell die Souveränität des piastisch-polnischen Herrschers an (keine Tributflicht mehr, die seit 963 bestanden hatte).
Der junge Kaiser wollte unter Einbindung der inzwischen christianisierten Völker des Ostens ein neues christliches Weltreich unter der Führung des Kaisers als weltliches Oberhaupts der Christenheit über Königtümer wieder erstehen lassen. Dabei sollte Polen ein führender Platz innerhalb der "Sclavinia" zukommen. Otto begünstigte die Konsolidierung und Machtausweitung der Piasten gegenüber den tschechischen Premysliden, die mit den Interessen des Heiligen Römischen Reiches weit weniger in Einklang standen.
Boleslaw soll von Otto in Gnesen in den Stand der Könige erhoben worden sein. Das ist jedoch umstritten. Es gibt aber deutliche Hinweise, die die Königsthese stützen. Auf jeden Fall wurde die Krönungszeromonie nicht vollendet. Es fehlte die Erlaubnis des Papstes. Diese konnte aber wegen des frühen Tods Ottos III. und des vehementen politischen Widerstands des neuen deutschen Königs und späteren römisch-deutschen Kaisers Heinrichs II. fast zwei Jahrzehnte lang nicht eingeholt werden.
Der frühe Tod Ottos III. im Jahre 1002 und die Thronbesteigung Heinrichs II., mit engen Verbindungen zu den Böhmen (Przemysliden), der dem Polenkönig nicht wohlgesonnen war, änderte die Beziehungen des Königreichs Polen zum Heiligen Römischen Reich diametral. Boleslaw trat in Opposition zum Reich und verfolgte nunmehr eigene Ziele der Expansion. Dies führte zu einem mehrjährigen Krieg Polens mit dem römisch-deutschen Kaiser, an dessen Ende sich Polen dank seiner in Ansätzen bereits gefestigten Staatlichkeit behaupten konnte und einen Ausgleichsfrieden (siehe: Frieden von Bautzen) mit dem Deutschen Reich schloss. Dies verdankte Boleslaw auch seinen Verbündeten, wie seinem Neffen Knut von Dänemark.
Die in Gnesen getroffene Absprache zwischen Polen und dem Reich wurde widerwillig von Heinrich bestätigt, auch verlangte Boleslaw vom deutschen Kaiser militärische Unterstützung für seinen lange geplanten Zug nach Kiew (gegen Jaroslaw von Kiew), die er auch ohne weiteres bekam. Er konnte dem Kaiser zwar die Mark Meißen nicht abtrotzen, jedoch behielt er seine Erwerbungen im Westen, das Milzener Land und die Mark Lausitz lehnsfrei, die dann auch bis 1031 bei Polen blieben.
Für Boleslaw Chrobry führte dieser Krieg zwar zu einem Substanzverlust des Landes. Er griff dennoch in die Streitigkeiten der slawischen Stämme in der Nordmark (Brandenburg) ein und legte in Berlin-Köpenick eine Burg auf der heutigen Schlossinsel an. Für fast 120 Jahre, bis Mitte des 12. Jahrhunderts, war Köpenick der Sitz eines piastischen Vasalls.
Hiernach wandte er sich nach Kiew, um dort seinen Schwiegersohn, den Kiewer Großfürsten Swietopelk, gegen desssen Bruder Jaroslaw zu unterstützen. Nach erfolgreicher Wiedereinsetzung Swietopelks erwarb er noch 1018 die tscherwenischen Burgen für Polen zurück.
1024 verstarb Heinrich II. Nun stand der endgültigen Königskrönung Boleslaws nichts mehr im Weg. Das deutsche Interregnum ausnutzend, setzte er sich 1025 ein zweites Mal die Krone aufs Haupt, wodurch er der erste König von Polen wurde. Dies stieß im Reich zwar auf ein negatives Echo, war aber zweifellos ein großer Prestigegewinn für Polen. Allerdings sollte sich das Königtum zunächst nicht als dauerhaft erweisen.
Boleslaw förderte den christlichen Glauben in Polen, wissend, dass der Papst im 11. Jahrhundert einer der bedeutendsten machtpolitischen Konkurrenten des deutschen Kaisers war. Durch die erfolgreiche Gründung einer unabhängigen polnischen Kirchenprovinz mit dem Erzbistum Gnesen und seiner Krönung zum ersten polnischen König begründete er die polnische Emanzipation vom Heiligen Römischen Reich. Er war auch der Begründer der polnischen Kastellanverfassungsordnung. Er hat aus dem relativ kleinen, unbedeutenden Herzogtum seines Vaters einen in der ganzen Region bedeutsamen Staat gemacht. In Polen gilt er bis heute als eine der wichtigsten historischen Persönlichkeiten. Er liegt neben seinem Vater Mieszko I. in der Kathedrale von Posen begraben.
Entwicklung Schlesiens im 12. und 13. Jahrhundert
Der in das Reich geflohene Wladyslaw der Vertriebene gewann die Gunst des Kaisers, welcher für ihn in Polen militärisch intervenierte. Friedrich Barbarossa zwang den polnischen Seniorherzog Boleslaw IV. zur Herausgabe Schlesiens an die Söhne des vertriebenen Herzogs und machte ihn für einen Teil seines Reiches lehnspflichtig. Der neue Seniorherzog zögerte jedoch mit der Herausgabe der schlesischen Provinz und erst im Jahre 1163, unter der Drohung einer neuen kaiserlichen Intervention, händigte er Schlesien an die Söhne Wladyslaws, Boleslaw den Langen und Mieszko Kreuzbein aus (Entstehung der schlesischen Linie der Piasten - siehe auch Schlesische Piasten).
Die einsetzende Einigung Polens durch die schlesische Linie der Piasten wurde mit dem Tod Herzogs Heinrichs des Frommen zu Grabe getragen. Der Herzog verlor im Kampf gegen die mongolischen Horden in der Schlacht bei Liegnitz sein Leben und Schlesien zerfiel in eine Vielzahl kleinerer piastischer Fürstentümer, die nach dem Mongolensturm 1241 nach und nach dem Königreich Böhmen angeschlossen wurden. Obwohl die Reiterhorden des Großkhans siegreich blieben (siehe auch Dschingis Khan), zogen sie sich in die von ihnen eroberten russischen Fürstentümer zurück und wurden für über 250 Jahre die neuen Herren des zerfallenden Reiches der Kiewer Rus. In den folgenden Jahrzehnten unternahmen sie jedoch weitere Raubzüge Richtung Westen, die Polen miltärisch immer schwächer werden ließen, sodass die Nachbarvölker wie die Litauer, die Böhmen oder die Deutschen (Brandenburg, Deutscher Orden) begannen, ihre eigenen Territorien auf Kosten Polens zu erweitern.
Konrad von Masowien und der Deutsche Orden
Der polnische Herzog Konrad von Masowien begann seinen Machtbereich auf eigene Hand zu erweitern. Das pruzzische Gebiet um Kulm war sein Kriegsziel. Die Expansion auf Kosten seiner heidnischen Nachbarn wurde jedoch zu einem Fiasko. Er verlor seine Eroberungen wieder und wurde nun seinerseits vom erwachten Nachbarn bedroht.
Da er zudem in Konflikte mit den anderen Piastenherrschaften verwickelt war, richtete er den Blick auf den Deutschen Orden, der 1225 aus Ungarn vertrieben wurde, weil er in Siebenbürgen im Kampf gegen heidnische Steppenvölker, Kumanen, einen eigenen Staat gründen wollte. Im Jahre 1226 bat Konrad von Masowien den Deutschen Orden um Hilfe und versprach ihm das Kulmer Land als herzögliches Lehen, als Gegenleistung und Ausgangsbasis für ihren Kampf gegen die Heiden. Ob und inwieweit die zu erobernden Gebiete gemäß der Vereinbarung dem Orden zustanden, ist bis heute unklar und hat in der Vergangenheit zu großen Streitigkeiten zwischen deutschen und polnischen Historikern geführt. Um sich gegen eine ähnliche Entwicklung wie in Ungarn abzusichern, ließ sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, von Kaiser Friedrich II. im März 1226 den Besitz des Kulmer Landes und aller zu erobernden Gebiete mit der Goldenen Bulle von Rimini bestätigen. Zusätzlich schloß der Orden am 16. Juni 1230 einen seperaten Vertrag mit dem Herzog von Masowien, der ihm das Land zur freien Verfügung stellte. (siehe auch Vertrag von Kruschwitz).
Mit dem Auftauchen des Deutschen Ritterordens im Pruzzenland, entwickelten sich im Mittelalter aus den Mönchsrittern die "Erzfeinde" Polens, später auch Litauens.
Erste Vereinigungsversuche und die böhmischen Przemysliden
Nun versuchte ein Piastenherzog aus Großpolen, Przemyslaw II., das piastische Reich zu einigen. Er gelangte zwar nie in den dauerhaften Besitz von Kleinpolen, regierte dort nur von 1290 - 1291 und mußte es auf Druck der Böhmen 1291 Richtung Posen verlassen, jedoch im Besitz der Krakauer Königsinsignien und der polnischen Provinzen Großpolen und seit 1294 auch von Pommerellen wurde er vom polnischen Erzbischof Jakub Swinka in Gnesen zum vierten polnischen König seit Boleslaw dem Kühnen gekrönt.
Mit diesem symbolischen Akt beendete er den polnischen Partikularismus und fokussierte mit seiner Krönung die Kräfte des polnischen Adels und der Kirche zur Wiedererlangung der staatlichen Einheit im Kampf des bedrängten Polen gegen die deutschen und böhmischen Landesfürsten.
Von dieser neuen Machtpräsenz bedroht, wurde er jedoch bereits 1296 im Auftrag des Markgrafen von Brandenburg und seiner polnischen Helfer (brandenburgische Erwerbungen ehemaliger piastisch-polnischer Gebiete: Lebus, Neue Mark, Streitobjekt Pommerellen) ermordet. Im Rahmen des Bündnisvertrages von 1293 gegen Böhmen (Wenzel II.) vermachte Przemyslaw Großpolen und Pommerellen an den Herzog von Kujawien, Wladyslaw Ellenlang, der diese beiden Provinzen bis 1300 behaupten konnte. Im gleichen Jahr eigneten sich die Brandenburger im Verbund mit dem Fürsten von Glogau, Heinrich III., einige Warthe- und Netzedistrikte Großpolens an.
Nach dem gewaltsamen Tod von Przemyslaw gelangten die böhmischen Könige mit Hilfe der Kirche und des in Polen ansässigen deutschen Bürgertums in den Besitz der polnischen Krone. Es waren Wenzel II. (Wenzel II. wurde zu seiner Legitimierung mit Przemyslaws Tochter Elisabeth Richza von Polen verheiratet) und in der Nachfolge sein leiblicher Sohn Wenzel III.. Bereits 1291 wurden sie die neuen Herren von Kleinpolen, ab 1300 durch militärischen Druck sogar Könige von Polen. Um 1300 zwang der polnisch-böhmische König Wenzel II. seinen politischen Rivalen, den Piasten Wladyslaw Ellenlang, Herzog von Kujawien, ins Exil.
Der Besitz Polens, wie auch der polnischen Krone, wurde jedoch durch den Papst (Bonifatius VIII.) 1302 für illegal erklärt. Mit dem Tod Wenzels III. (er wurde ermordet) erloschen die Przemysliden im Mannesstamm und die erste deutsche Dynastie, nämlich die der Luxemburger, kam in Böhmen an die Macht. Erst nach der Ermordung des böhmischen Herrschers 1306 war die Herrschaft der Piasten vorerst wieder gesichert und Wladyslaw Ellenlang wurde als Herrscher in Polen anerkannt. Unter seiner Ägide wurde Polen, in einer etwas verkleinerten Form, wiedervereinigt.
Der Niedergang der Adelsrepublik und die Teilungen
Unter der Sachsenzeit versteht man in Polen die Regierungszeit der beiden Könige aus dem Hause Wettin. Es waren August der Starke 1697-1733 und sein Sohn August III. 1733-1763, die Polen in Personalunion mit ihrem heimischen Kurfürstentum Sachsen regierten.
Die Wahlen waren mit finanziellen Mitteln erkauft worden und nicht unangefochten. Um sich die polnische Krone zu sichern, mußte der protestantische Kurfürst zum Katholizismus konvertieren. Polen wurde in jenen Jahren immer stärker zu einem Spielball der internationalen Politik. Es wurde durch die Wettiner in Konflikte und Kriege hineingezogen, an denen es eigentlich gar kein Interesse hatte und die es sich sich de facto auch nicht mehr leisten konnte, wie der Zweite Nordische Krieg oder später der Siebenjährige Krieg. Die innere Schwäche der Adelsrepublik äußerte sich in religiösem Unfrieden, Intoleranz gegenüber Nicht-Katholiken (in Polen-Litauen Dissidenten genannt), einem Verfall der Wirtschaft und militärischer Ohnmacht. Die Neutralität in anderen europäischen Konflikten wahrend, durchquerten fremde, kriegsführende Armeen straflos sein Territorium und behandelten es wie etwas, was am Wegesrand lag. Die Triumphe der polnischen Heere gehörten von jetzt an der Vergangenheit an. Der Erwerb Schlesiens durch König Friedrich von Preußen förderte Preußens Entwicklung zu einer europäischen Großmacht. Letzteres erschien unvereinbar mit Polens potentiellem Wiederaufleben. In diesem Hinblick erscheint es als eine bittere Ironie der Geschichte, dass es nun mal das "wettinische Polen" war, das als erstes europäisches Land das hohenzollernsche "Königreich in Preußen" staatsrechtlich anerkannte.
Die Geschicke des Landes wurden immer stärker von den großen Magnatenfamilien und Hochadelsfraktionen bestimmt, namentlich die Potoccy, Czartoryscy, Sapiehowie, die nicht nur (teilweise) untereinander verfeindet waren, sondern sich gegenseitig bekriegt hatten und immer stärker auch finanziell von fremden Mächten abhängig wurden. Die Versuche des Königs, eine absolutistische Herrschaft zu etablieren, mussten vor diesem Hintergrund scheitern. Nur durch die Unterstützung Russlands konnte er sich gegen seinen Gegenspieler Stanislaus I. Leszczynski durchsetzen, freilich um den Preis dessen zunehmender politischer Einflussnahme in Polen als Vermittler und tatsächlicher "Beschützer" des Landes (siehe auch Polnischer Thronfolgekrieg).
Ähnlich verlief es unter August III., der das Land weitgehend durch seinen Günstling, Heinrich Graf von Brühl, regieren ließ. Diese Zeichen des Verfalls waren aber nur die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig entwickelte sich zunehmender Wohlstand beim Gutsadel, der dazu führte, dass man sich auch Fragen einer inneren Reform der Adelsrepublik stellte. Der Geist der Aufklärung drang nach Polen vor, Ansätze zu einer Verbesserung des Bildungssystems wurden gemacht. Besonders positiv waren die Folgen in der Architektur. Das Bild der Hauptstadt Warschau veränderte sich in jenen Jahren entscheidend: das Königsschloss wurde großzügig umgebaut, es entstand die sogenannte Sächsische Achse nach dem Vorbild von Versailles mit dem Sächsischen Palais und dem Sächsischen Garten. In Erinnerung blieb aber in erster Linie die dekadente Stimmung jener Zeit, die sich in zahlreichen Sprichwörtern niedergeschlagen hat, etwa: "Gdy August pił, cała Polska była pijana" (Wenn August getrunken hatte, war ganz Polen besoffen) oder das noch Bekanntere: "Za króla Sasa jedz, pij i popuszczaj pasa" (Unter dem Sachsenkönig iss, trink und löse den Gürtel), das geradezu ein Symbol für die späte sarmatische Adelskultur mit ihren üppigen Festen, aber auch dem Fehlen jeder Art von Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem eigenen Volk und Vaterland geworden ist und mit der späteren Konföderation von Targowica, einem Paradigma für Landesverrat, seinen Höhepunkt fand.
Die Sarmaten waren ein iranisches Reitervolk, das 600 v. Chr. bis 450 n. Chr. im südrussischen und ukrainischen Steppengebiet lebte und von dem sich die polnischen Adligen irrtümlich ableiteten. Unter Sarmatismus versteht man das Gefühl völliger persönlicher Freiheit, bei politischem Konservatismus und Intoleranz, ständischem Dünkel und Abgrenzung gegenüber Nichtadligen.
Polen, Frankreich und die europäischen Mächte 1795 - 1815
Die nach dem Ende der polnischen Staatlichkeit verbliebenen Aufständischen und Oppositionellen setzten nun all ihre Hoffnungen auf das revolutionäre Frankreich. Auf dessen Anregung entstand bis 1797 in Oberitalien eine 6000 Mann starke polnische Legion unter General Jan Henryk Dąbrowski, die auf Seiten Napoleons bis zum Friede von Lunéville 1801 kämpfte, ohne ihrem eigentlichen Ziel näher zu kommen. Statt dessen wurden die polnischen Soldaten wegen der Jakobinernähe ihrer polnischer Offiziere von nach absoluter Macht strebenden Napoleon im Kampf gegen Aufständische auf Haiti "verheizt", wo sie durch Tropenkrankheiten fast völlig dezimiert wurden bzw. zu den Freiheitskämpfern überliefen. Was blieb war vor allem der unbedingte Siegeswille der Legionäre, der sich im Text des Liedes Józef Wybickis von 1797 manifestierte: "Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben" und weiter "Marsch, marsch, Dąbrowski, von Italien nach Polen" (seit 1918 die Nationalhymne Polens).
Gleichzeitig versuchten polnische Adlige am Petersburger Hof, wie der dort beim Zaren zu Einfluss gelangte Fürst Adam Jerzy Czartoryski, die Lage im russischen Teilungsgebiet zu mildern, was durch eine größere Freiheit besonders im Bildungswesen zeitweise auch gelang, außenpolitisch jedoch keine Erfolge zeitigte, da Russland nicht zu einem Krieg gegen Preußen bereit war. Die französischen Kriegserfolge des Jahres 1806 bewogen einige Polen dazu, erneut auf die Karte Napoleon zu setzen und einen bewaffneten Aufstand im polnischen Südpreußen zu wagen. Durch die Schwäche Preußens und den Vormarsch der Grande Armee hatte die Erhebung Erfolg. Napoleon, der an die Stärkung und Auffüllung seines Heeres für die Kämpfe gegen Russland dachte, erklärte sich aber lediglich dazu bereit, im Rahmen des Friedens von Tilsit in 1807, in dem das Königreich Preußen kurz vor der staatlichen Auflösung durch Napoleon stand und nur durch eine massive Intervention des russischen Zaren das Schicksal Polens nicht teilen mußte, ein relativ kleines "Herzogtum Warschau" zu bilden, an dessen Spitze der sächsische Kurfürst Friedrich August gestellt wurde. Statt der erwarteten Bestätigung der Mai-Verfassung vom 3. Mai 1791 wurde lediglich dem französischen Vorbild folgend das "Statut conventionnel" erlassen, so dass die entscheidende politische Rolle dem französischen Residenten in Warschau zufiel.
Trotz dieser großen politischen Schwierigkeiten wuchs das Engagement der polnischen Bevölkerung für den neuen Staat. Dies galt besonders für das auf französischer Seite kämpfende Militär, dem es bis 1809 gelang, Teile Kleinpolens zu erobern. Aus diesen Gründen war auch die polnische Bereitschaft hoch, sich massiv am Russlandfeldzug Napoleons zu beteiligen. Mit über 100.000 Mann, bei nur ca. 4 Millionen Einwohnern, stellten die Polen das größte ausländische Kontingent nach den Franzosen, und kämpften im Winter 1812 - 1813 für französische Interessen auf verlorenem Posten in den Weiten Russlands. Nur wenige Tausend kehrten anschließend in ihre Heimat zurück. Durch die Niederlage Napoleons und seiner Grande Armee besetzten russische Soldaten rasch große Teile des schutzlosen Herzogtums und die Hauptstadt Warschau. Der militärische Kopf der Polen, Fürst Józef Antoni Poniatowski, kam bei der Völkerschlacht in Leipzig 1813, seinen Treueid gegenüber Napoleon und dem Kurfürsten Friedrich August erfüllend, ums Leben, als er in den Fluss Elster stürzte und ertrank.
Die endgültige Entscheidung über die Zukunft Polens fiel nun auf dem Wiener Kongress von 1815, als die Grenzen der Teilungen bestätigt und lediglich die Position Preußens zugunsten der Russlands geschwächt wurde. Preußen musste die in der Dritten Teilung erworbenen Gebiete weitgehend aufgeben. Das bis 1809 österreichische Krakau wurde zur Freien Stadt erklärt. Das Herzogtum Warschau wurde um die Provinz Posen verkleinert, die an Preußen zurückfiel und als "Großherzogtum Posen" bis 1830/1849 weitgehende Autonomierechte genoß. Der Rest wurde, als "Königreich Polen" mit eigener Verfassung und Autonomie ausgestattet, in Personalunion mit dem Russischen Reich vereinigt. Die Existenz einer polnischen Nation wurde freilich von allen europäischen Großmächten anerkannt. In den folgenden Jahren gelang es immerhin, eine soziale Umstrukturierung der Gesellschaft voranzubringen, die die Grundlagen für die Entstehung einer demokratischen polnischen Nation aller Stände schuf.
Das kurze französische Intermezzo hinterließ ein von Napoleon wirtschaftlich und menschlich ausgeblutetes "Klein-Polen", der rücksichtlos das kleine Herzogtum in die Pflicht nahm und das polnische Vertrauen und Loyalität in seine Person zur Errichtung eines freien, unabhängigen Polens mit (falschen) Versprechungen mißbrauchte, während er mit den gemeinsamen Feinden Preußen, vor allem aber Österreich und Russland auf Kosten Polens einen Ausgleich suchte, was besonders am Namen des Herzogtums abzulesen ist. Zu lange setzte die polnische Obrigkeit auf die Karte Napoleon, was auch an der Person des Fürsten Jozef Antoni Poniatowski deutlich wird. Während sich 1813 fast ganz Europa gegen Napoleon gestellt hatte, waren die Polen das einzige europäische Volk, das diesem Despoten noch in der Völkerschlacht bei Leipzig in blinder Gefolgschaft die Treue hielt, während die restlichen französischen Verbündeten vor allem aus dem Rheinbund-Staaten und die sächsischen Regimenter ihr Heil im Überlaufen suchten. Zum Dank für die polnische Treue ließ der Kaiser bei seiner hastigen Flucht vom Schlachtfeld vorzeitig die Brücken sprengen, wohlweislich einen Teil der französischen und die gesamte polnische Armee den Feinden in die Hände auszuliefern. Der tapfere, ehrenhafte, aber politisch blinde Fürst Poniatowski fand dabei den Tod, konnte sich aber zumindest posthum mit dem Titel eines französischen Marschalls schmücken, während seine Heimat Stück um Stück in die Hände seiner Feinde fiel. Mit dem Sturz Napoleons durch die Teilungsmächte waren die nächsten 100 Jahre für die polnische Nation vor allem in den preußisch-russischen Besatzungszonen aus Unterdrückung, Demütigung und hohem Blutzoll bestimmt und bedeuteten einen allgemeinen zivilisatorisch-wirtschaftlichen Rückschritt, der im Zenit der Unterdrückung neben dem Verbot der polnischen Sprache im öffentlichen Leben, mit Repressalien, Germanisierung und Russifizierung der polnisch-sprachigen Bevölkerung begleitet wurde.
Randbemerkung: Bei der Zerschlagung des Herzogtums Warschau durch den Wiener Kongress 1815 spricht man fälschlicherweise oft von der so genannten "Vierten Teilung Polens". Das enstpricht jedoch nicht ganz der Wahrheit, weil das Herzogtum de jure kein souveräner Staat war, sondern ein Vasallenstaat des revolutionären Frankreichs. Es war direkt der Kontrolle Napoleons unterstellt. Den Rechtsnachfolgern wurden, zum Beispiel dem Kongresspolen, weitgehende Autonomie zugebilligt, auch unterhielt das Land ein eigenes Parlament, im Gegensatz zur "Ersten Republik", der Adelsrepublik, die 1795, unter Androhung militärischer Gewalt, liquidiert wurde.
Die Zeit der Aufstände 1815 - 1864
Auf lange Sicht gesehen war die polnische Nation nach den Wiener Beschlüssen von 1815 nicht bereit, den Status quo zu akzeptieren. Der Wunsch nach einem eigenen Staat war ungebrochen. Die katholische Kirche wuchs aufgrund ihrer beibehaltenen Strukturen immer stärker in die Rolle einer Bewahrerin der Traditionen hinein.
Die politische Entwicklung seit 1815 war durch eine eher gemäßigte Unterdrückung durch den Zaren und seinen Warschauer Statthalter Novosilcov geprägt. Damit waren aber viele Jüngere, geprägt vom Geist der polnischen Romantik und ihrer Helden wie Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki, nicht zufrieden. Die Nachricht von Revolutionen in Paris und in Belgien im Jahre 1830 ließ auch eine kleine Gruppe von Warschauer Verschwörern zu den Waffen greifen. Am 28. November desselben Jahres brach der Aufstand gegen die russische Bevormundung aus, der jedoch keine konkreten politischen Zielvorstellungen hatte. Aufgrund der zögerlichen russischen Reaktion gelangen zunächst einige Erfolge, die den im Dezember zusammengetretenen Sejm dazu bewogen, die Dynastie der Romanows für abgesetzt zu erklären. Im Laufe des Jahres 1831 behielt Russland in der massiven militärischen Auseinandersetzung aber die Oberhand, auch deswegen, weil die Aufständischen zu keinen weitergehenden Schritten in der Bauernfrage bereit waren.
Der Novemberaufstand war in ganz Europa äußerst populär, besonders in Deutschland, wo die entstehende Polenbegeisterung auch nach dem Scheitern des Aufstandes und dem Einsetzen der sogenannten "Großen Emigration" zunächst weiter bestand und zur Entstehung von Solidaritätskomitees und "Polenliedern" führte, deren Höhepunkt das sog. "Hambacher Fest" im Jahre 1832 war, wo deutsche und polnische nationale Bestrebungen auf eindrucksvolle Weise miteinander verbunden wurden. Im russischen Teilungsgebiet selbst wurde die Sonderstellung der Polen nun massiv eingeschränkt. Jetzt wurde in Teilen der Verwaltung mit der Russifizierung begonnen und das polnischsprachige Bildungssystem geschwächt. Zu einem neuen Zentrum der polnischen Politik wurde Paris, wohin viele bedeutende Politiker geflohen waren und wo mit den "Konservativen" und den "Demokraten" die beiden Hauptlager entstanden.
Aufgrund der Unterdrückung im russischen Teilungsgebiet wandte sich das Hauptaugenmerk für einen erneuten Aufstand den anderen beiden Regionen zu. Für Anfang 1846 wurde eine gesamtpolnische Erhebung geplant, die ihren Schwerpunkt aber im preußischen Posen und der Freien Stadt Krakau haben sollte. Der Posener Plan wurde jedoch verraten und die Verschwörer mit ihrem Kopf Ludwik Mieroslawski verhaftet. Die Bestrebungen im österreichischen Teilungsgebiet wurden nur halbherzig durchgeführt. Parallel dazu brach aber dort ein Bauernaufstand aus, der sich vor allem gegen die polnischen Landadligen richtete und von den Behörden teilweise unterstützt wurde. Dieser extrem grausame Bürgerkrieg führte in nur zwei Monaten zu über 1000 Toten. Krakau, das vorübergehend in polnischer Hand war, wurde schließlich von österreichischen Truppen besetzt und 1846 in die Donaumonarchie inkorporiert. Aufgrund dieses völligen Scheiterns war es um so überraschender, dass die polnische Frage schon zwei Jahre später in Preußen wieder zu einem beherrschenden Thema wurde.
Im preußischen Teilungsgebiet waren die Jahre seit 1815 vor allem geprägt durch die 1823 durchgeführte endgültige Bauernbefreiung. Die zunächst relativ gemäßigte Politik gegenüber den Polen wurde nach dem Amtsantritt des neuen Oberpräsidenten Eduard Heinrich von Flottwell Ende 1830 zunehmend antipolnisch, vor allem in der Bildungs- und der Kirchenpolitik. Seit Beginn der 1840er Jahre schien sich unter dem neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. eine liberalere Polenpolitik anzudeuten, bis die Aufstandspläne von 1846 und der große Berliner Polenprozess eine erneute Wende einleiteten. Die Märzrevolution des Jahres 1848 führte auch zum Wiederentstehen polnischer Organisationen im preußischen Großherzogtum Posen. Man erwartete das Ausbrechen eines Krieges gegen das reaktionäre Russland. Mitunter arbeiteten deutsche und polnische Demokraten eng zusammen. Der Krieg kam jedoch nicht, der preußische König überwand seine zeitweilige Schwäche und die nationalen Spannungen im Lande nahmen zu. Den Aufständischen gelang es nicht, die preußische militärische Übermacht zu besiegen. Dass die Stimmung des Jahres 1848 nicht mehr der von 1832 entsprach, zeigte schließlich die dreitägige Polendebatte der Paulskirchenversammlung im Juli 1848 sehr deutlich. Nur noch wenige traten für die Rechte der Polen ein, die national-konservativen Kräfte setzten sich endgültig durch. Letztes Aufflackern war die demokratische Revolution in Baden, an deren militärischer Spitze 1849 Mierosławski stand. An den europäischen Revolutionen der Jahre 1848/1849 hatten auch an anderen Stellen Polen mitgekämpft, etwa General Josef Bem in Österreich und Ungarn. Keinen Aufstandsversuch gab es aber im russischen Teilungsgebiet, wo der Statthalter Ivan Paskevič die Zügel fest in der Hand hielt.
Erst die russische Niederlage im Krimkrieg 1855 und der Amtsantritt des neuen Zaren Alexanders II. weckte neue Hoffnungen. Es entwickelten sich nun ernstzunehmende Pläne einer engen polnisch-russischen Zusammenarbeit unter dem gemäßigten Adligen Aleksander Wielopolski, der 1862 zum Chef einer nur aus Polen bestehenden Zivilregierung ernannt wurde. Die Demokraten dagegen sahen sich durch die Einigungsbestrebungen Italiens wieder zu revolutionären Taten veranlasst und begannen im Januar 1863 einen bewaffneten Aufstand, den Januaraufstand, in dem es allerdings nicht gelang, Unterstützung aus anderen europäischen Staaten zu erhalten. Die verschiedenen gesellschaftlichen Absichten der polnischen Emigration, das Fehlen einer schlagkräftigen militärischen Führung im Lande und die vergeblichen Versuche, auch die Bauern zu mobilisieren, brachten auch diesen Aufstand zum Scheitern. Die massiven Vergeltungsmaßnahmen der Russen, Enteignungen und Deportationen, führten dazu, dass der Adel nun seine beherrschende Kraft innerhalb der polnischen Gesellschaft verlor, die Ideen der Romantik waren endgültig gescheitert.
Der Erste Weltkrieg 1914 - 1918
Der nach der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajewo ausgebrochene Erste Weltkrieg brachte die polnische Frage wieder auf die europäische Tagesordnung. Viele Politiker in den Teilungsgebieten sahen sich vor die Entscheidung gestellt, auf wessen Seite sie kämpfen sollten, schien es doch äußerst unwahrscheinlich zu sein, dass sowohl das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn als auch Russland als Verlierer aus dem Krieg hervorgehen würden.
Zunächst einmal wurden jedoch Millionen von Polen in die Armeen der kriegführenden Parteien eingezogen, wodurch der Krieg neben der demütigenden Teilungen zu einer weiteren, historisch wenig beachteten Nationaltragödie des polnischen Volkes wurde, kämpften nun die "deutsch-österreichischen" Polen gegen ihre Landsleute aus dem von Russland besetzten Teil Polens. Das beanspruchte nationale Territorium wurde zum Hauptkriegsschauplatz im Osten. Die Besetzung weiter Teile Galiziens durch die russische Armee führte zu einer großen Fluchtwelle der Bevölkerung nach Westen. Darunter befanden sich besonders viele Juden, die Angst vor erneuten Pogromen unter russischer Herrschaft hatten. Die Gegenoffensive der Mittelmächte im Sommer 1915 veränderte die Lage jedoch erneut, weil deutsche Truppen die Grenzen des russischen Kongresspolens überschritten und u.a. Warschau besetzten. Das eroberte Territorium wurde in ein deutsches und ein österreichisches Generalgouvernement eingeteilt.
Die Politik in Berlin war sich in Bezug auf die Zukunft Polens nicht einig. Während die einen, unterstützt von Generalgouverneur Hans von Beseler ein autonomes polnisches Königreich Polen befürworteten, plädierten die anderen wie etwa Erich Ludendorff für einen Verständigungsfrieden mit Russland und eine Rückkehr zu den Vorkriegsgrenzen. Erst nach dem endgültigen Scheitern der Blitzkriegstrategie entschloss man sich zu einem Angebot an Polen, auch um mehr polnische Soldaten für die eigenen Reihen zu gewinnen. Mit dem Akt vom 5. November 1916 proklamierten der deutsche Kaiser Wilhelm II. und der österreichische Kaiser Franz Joseph die Errichtung eines Königreichs Polen in den bisher zu Russland gehörenden Gebieten, das sich politisch und militärisch eng an die Mittelmächte anlehnen sollte. In Berlin plante man jedoch weiterhin Gebietsannexionen auf Kosten dieses Staates, dessen Grenzen nie genau festgelegt wurden.
Im österreichischen Teilungsgebiet waren unmittelbar nach Kriegsbeginn polnische Legionen unter k.u.k.-Oberbefehl aufgestellt worden, die aus den paramilitärischen Schützenverbänden Józef Piłsudskis hervorgingen. Diese Einheiten umfassten im Sommer 1916 etwa 25.000 Mann und kämpften vor allem gegen Russland. Nach dem Akt vom 5. November wurden die Legionen dem deutschen Oberbefehl unterstellt, aus ihnen sollte 1917 die so genannte Polnische Wehrmacht hervorgehen. Ein Teil der Brigaden weigerte sich jedoch im Juli 1917, den Eid auf einen imaginären polnischen König zu leisten, und wurde infolge dessen entweder entwaffnet und inhaftiert oder direkt in deutsche Truppenteile einbezogen. Piłsudski selber wurde ebenfalls verhaftet und in die Festung Magdeburg gebracht. Am 18. September 1917 wurde die oberste Staatsgewalt formell auf einen neu eingerichteten dreiköpfigen Regentschaftsrat übertragen, der aus dem Warschauer Erzbischof Aleksander Kakowski, dem Magnaten Fürst Zdzisław Lubomirski und dem ebenfalls adligen früheren Vorsitzenden des Polenklubs der russischen Duma Józef Ostrowski bestand.
Die weiteren Planungen wurden in erster Linie durch den Zusammenbruch des Russischen Reiches nach der Februarrevolution und der Oktoberrevolution 1917 bestimmt. Die Reichsführung mit der OHL an der Spitze glaubte nun an einen raschen Sieg und weitere territoriale Gewinne im Osten. Im Separatfrieden von Brest-Litowsk am 9. Februar 1918 (nicht zu verwechseln mit dem Frieden von Brest-Litowsk mit Russland vom 3. März) mit der neu entstandenen Ukraine wurde dieser ein Teil polnischen Staatsgebietes, die Region um Chełm zugesichert. Schon die Unterstützung der deutschen Militärbehörden für einen unabhängigen Staat Litauen mit Wilna als Hauptstadt hatte im Dezember 1917 Empörung in Polen ausgelöst. Erschwerend hinzu kam die Requirierung von Rohstoffen und Lebensmitteln sowie die Verschleppung polnischer Zwangsarbeiter ins Reich wegen dessen immer schwierigeren ökonomischen Lage.
Als sich der Zusammenbruch der deutschen Westfront abzuzeichnen begann, waren sich alle politischen Lager Polens darin einig, mit Unterstützung von US-Präsident Woodrow Wilson so schnell wie möglich die eigene Unabhängigkeit zu erreichen. Dazu trugen auch polnische Soldaten bei, die auf Seiten Frankreichs kämpften. Die im Juni 1917 ins Leben gerufenen Truppenteile unter General Józef Haller, etwa 70.000 Mann (Freiwillige, ehemalige Kriegsgefangene etc.), wurden u.a. in der Champagne eingesetzt.
Unabhängigkeit und Zweite Republik 1918 - 1939
Am 7. Oktober 1918 proklamierte der Regentschaftsrat in Warschau einen unabhängigen polnischen Staat und übernahm fünf Tage später die Befehlsgewalt über die Armee. Eine Woche danach riefen auch die Ukrainer in Lemberg ihre Unabhängigkeit aus, was den Polnisch-Ukrainischen Krieg um das ehemalige Ostgalizien auslöste. Besonders heftige Kämpfe wurden um Lemberg geführt, das polnische Freiwilligenverbände und reguläre Armeeteile am 21. November eroberten. Der Krieg dauerte militärisch jedoch bis in den März 1919 an und wurde erst durch ein Abkommen zwischen Polen und der Volksrepublik Westukraine unter Symon Petljura am 21. April 1920 offiziell beendet.
Im November 1918 hatte der aus der Magdeburger Haft entlassene Piłsudski in Warschau als Vorläufiges Staatsoberhaupt die Macht übernommen. Er berief einen verfassungsgebenden Sejm ein, der eine demokratische Verfassung ausarbeiten und verabschieden sollte. Die ersten Jahre der Unabhängigkeit vergingen mit dem inneren Aufbau des Staates. Die bestehenden staatlichen Strukturen, welche die drei verschiedenen Teilungsmächte hinterlassen hatten, mussten vereinheitlicht, teilweise aber auch völlig neu geschaffen werden. Außerdem war das Land weitgehend vom Krieg verwüstet, wie auch seine Grenzen in weiten Teilen nicht festgelegt waren.
Als 1921 die neue Verfassung verabschiedet wurde, in der nur ein schwacher Präsident vorgesehen war, verzichtete Piłsudski auf die Ausübung dieses Amtes und zog sich ins Privatleben zurück. Die Jahre bis 1926 waren innenpolitisch somit von mehreren aufeinanderfolgenden parlamentarischen Regierungen dominiert. Zum ersten offiziellen Präsidenten Polens wurde 1922 Gabriel Narutowicz, ein Vertreter der gemäßigten Linken, gewählt. Narutowicz wurde jedoch wenige Tage nach seiner Amtseinführung von einem nationalistischen Fanatiker ermordet. Zu seinem Nachfolger wählte das Parlament den gemäßigten Sozialisten Stanisław Wojciechowski. Da die Mehrheitsverhältnisse im polnischen Parlament, dem Sejm, sehr instabil waren, wechselten sich die Regierungen häufig ab und waren teilweise sehr schwach.
Konflikte mit den Nachbarn
Anfang des Jahres 1918 gewann Polen zusammen mit anderen Ländern durch den Friedensvertrag von Brest-Litowsk seine Unabhängigkeit von Russland wieder. Dabei wurden Polens Grenzen von Deutschland und Österreich-Ungarn enger als 1772 gezogen. Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, wurde der Vertrag von Brest-Litowsk von Sowjet-Rußland annulliert. Polen wurde nach den Versailler Bestimmungen (Vertrag von Versailles) eine unabhängige Republik und bekam einen Teil der vom Königreich Preußen im Rahmen der (polnischen Teilungen) 1772 und 1793 annektierten polnischen Gebiete Pommerellen (siehe auch Westpreußen) und Großpolen (siehe auch Provinz Posen), Teile Oberschlesiens und einen Zugang zur Ostsee bei Gdingen (polnischer Korridor) zurück. Im Ermland konnte sich die Bevölkerung in einer Abstimmung über ihre Zugehörigkeit zu Polen entscheiden. Das Gebiet blieb nach der Volksabstimmung 1920 bei Ostpreußen. Danzig wurde aufgrund der besonderen Sachlage (erforderlicher Ostseehafen, polnischer Bevölkerungsanteil von 7 %) ohne Volksabstimmung zur "Freien Stadt Danzig" erklärt und verblieb mit Nutzungsrechten Polens am Danziger Hafen außerhalb der Grenzen des neuen polnischen Staates unter der Aufsicht des Völkerbundes.
Um den Besitz Oberschlesiens kam es zu Auseinandersetzungen mit Deutschland. In Oberschlesien ergab am 20. März 1921 eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit des Gebiets eine Mehrheit von fast 60 Prozent für den Verbleib bei Deutschland. Polnische Freischärler begannen daraufhin am 3. Mai 1921, unterstützt von französischen Besatzungstruppen (Italiener und Briten stellten sich auf die deutsche Seite), einen bewaffneten Aufstand, um den Anschluss des östlichen Teils Oberschlesiens an Polen gewaltsam durchzusetzen. Die Alliierten wollten vorher nur den Landkreis Pleß an Polen anschließen.
Das Deutsche Reich konnte aufgrund der Beschränkungen durch den Versailler Vertrag und aufgrund der Intervention der anglo-französischen Sieger nicht offiziell gegen die Freischärler vorgehen, trotzdem kam es zu einigen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen. Mit Billigung der deutschen Regierung versuchten Freikorps gewaltsam den Anschluss an Polen zu verhindern. Am 23. Mai 1921 gelang den Deutschen Freikorps des "Selbstschutz Oberschlesien" die Erstürmung des St. Annabergs, der stärksten Befestigung der Polen, wodurch eine Stabilisierung der Lage eintrat. Am 20. Oktober 1921 beschloß der Oberste Rat der Alliierten nach einer Empfehlung des Völkerbunds, das ostoberschlesische Industrierevier an Polen zu übertragen. Beim Deutschen Reich verblieb der zwar flächen- und bevölkerungsmäßig größere, vor allem jedoch eher agrarisch strukturierte Teil des Abstimmungsgebiets (Industriestädte wie Beuthen, Gleiwitz oder Zabrze blieben weiter deutsch).
1918 wurde Józef Piłsudski Staatsführer des wiederentstandenen Polens. Piłsudski versuchte, die Grenzen Polens vor 1772 wiederherzustellen und so die polnische Staatsgrenze im Vergleich zur polnischen Sprachgrenze um 450 km nach Osten zu erweitern. Piłsudski ging es dabei vor allem um die mehrheitlich polnischsprachigen Gebiete um Vilnius in Litauen und Lemberg in Galizien. Dieses Vorhaben schloß somit Litauen, Weißrussland und die Ukraine in die polnische Machtpolitik ein. Im Rahmen seiner Politik der Wiedererrichtung einer Republik unter polnischer Führung in der Tradition der 1795 untergegangen Adelsrepublik sollten nach seinem Plan auch Gebiete Teil des neuen Staates sein, die mehrheitlich von Ukrainern und Weißrussen bewohnt waren. Zunächst wurde nördlich von Polen der östliche Teil Litauens (Gebiete um Vilnius), das seine Unabhängigkeit gerade gegen Russland durchgesetzt hatte, besetzt, ebenso vorübergehend Kiew in der Ukraine – was, aufgrund der Überschneidung mit territorialen Ansprüche der Sowjetunion zum Polnisch-Sowjetischen Krieg führte.
Der Polnisch-Sowjetische Krieg
Zunächst drangen die polnischen Truppen unter General Rydz-Śmigły mit Unterstützung von nationalukrainischen Kräften bis nach Kiew vor. Der schnelle Erfolg war durch das Ausweichen der sowjetischen Truppen begünstigt, die nach der Eroberung Kiews durch die Polen eine Gegenoffensive starteten. Die sowjetischen Einheiten unter General Tuchatschewski drangen bis Warschau vor, während General Budjonny Lemberg belagerte. Durch ein waghalsiges Zangenmanöver gelang der polnischen Armee unter Piłsudskis Kommando der Durchbruch und eine nahezu vollständige Vernichtung der sowjetischen Einheiten: Während die polnischen Einheiten versuchten, die Armee von General Tuchatschewski bei Radzymin nordöstlich von Warschau aufzuhalten, startete Piłsudski vom Fluss Wieprz in der Woiwodschaft Lublin eine Großoffensive in Richtung Norden. Der Überraschungseffekt war so groß, dass die letzten sich zurückziehenden Einheiten der Roten Armee über deutsches Gebiet – Ostpreußen – flüchten mussten.
1921 wurde in der lettischen Hauptstadt Riga ein Friedensvertrag zwischen den Kriegsparteien geschlossen und der Aufbau des Landes im Inneren in Angriff genommen. Piłsudski verfehlte zwar sein Ziel, die Staatsgrenze von 1772 (Adelsrepublik) wiederherzustellen, es gelang ihm jedoch, die polnische Staatsgrenze etwa 200 km östlich der polnischen Sprachgrenze, der sog. Curzon-Linie, zu ziehen. Im östlichen Teil Polens betrug der polnische Bevölkerungsanteil 1919 etwa 25 %, 1938 nach der Amtszeit Piłsudskis bezeichneten sich 38 % als polnisch. Den übrigen Anteil bildeten jeweils verschiedene Nationalitäten. Die Bevölkerungsmehrheit bezeichnete sich als ukrainisch, weißrussisch und jüdisch. Mehrheitlich polnisch - mit einem hohen Anteil Juden - waren Vilnius und Lemberg. Siehe dazu auch: Geschichte Galiziens
Polen entwickelte ab 1921 gute Beziehungen zu Großbritannien und Frankreich, die an Polen als stategischem Bündnispartner interessiert waren und den Bau eines neuen Hafens in Gdingen finanzierten. Aus dem Fischerdorf mit 1000 Einwohnern wurde in wenigen Jahren ein Groß- und Militärhafen mit über 100.000 Einwohnern. Da Gdingen mit dem Danziger Hafen konkurrierte und Polen gegen den Willen der Danziger Regierung ein polnisches Munitionslager auf der Westerplatte durchsetzte, kam es zu Spannungen mit der Freien Stadt Danzig. Der Zugang zu Ostpreußen vom restlichen Deutschen Reich war per verplombtem Korridorzug von Konitz (Chojnice) bis Dirschau (Tczew) durch das polnische Gebiet auf der Ostbahn oder per Schiff (Seedienst Ostpreußen) möglich.
Zweiter Weltkrieg 1939 - 1945
Nach Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes 1939 folgte der Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939, an dem sich auch die Slowakei beteiligte, was den Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs und damit den Zweiten Weltkrieg zur Folge hatte.
Die deutschen Truppen kamen rasch voran. Gegen die deutsche Überlegenheit hatten die Polen nur ihren verzweifelten Kampfeswillen entgegenzusetzen. Einzelaktionen polnischer Verbände, etwa in der Schlacht an der Bzura (9. September bis 15. September) vermochten den mit weiträumigen Umfassungsmanövern einhergehenden Vormarsch nicht aufzuhalten. Nach zwei Wochen wurde die polnische Hauptstadt eingeschlossen. Am 17. September wurde Polen - wie in dem geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts vorgesehen - auch von der Sowjetunion angegriffen. Am 28. September 1939 kapitulierte Warschau. Eine offizielle Gesamtkapitulation Polens, wie zum Beispiel die von Frankreich im Wald von Compiègne am 22. Juni 1940, fand jedoch nicht statt.
Das Land wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Die polnische Regierung samt hoher polnischer Militärs floh zuerst über die Grenze nach Rumänien und wurde dort auf ausdrücklichen Befehl Hitlers interniert. Die Exil-Regierung ging dann nach Paris, später nach London und organisierte von dort aus die Streitkräfte und den Widerstand neu.
Der Krieg gegen Polen sollte nach dem Willen der NS-Führung Züge eines rassistischen Verdrängungs- und Vernichtungsfeldzugs annehmen. Der polnische Staat sollte zerschlagen und der deutsche "Lebensraum" erweitert werden. Anders als im Westen machte Hitler schon vorher klar, dass er andere Maßstäbe anlegen wolle. Es gehe nicht um bestimmte geographische Linien, die erreicht werden sollten, sondern darum, dass 80 Millionen Deutsche ihr Recht bekämen. Die "Liquidierung des führenden Polentums" (Reinhard Heydrich) wurde als eine vorrangige Aufgabe angesehen. Als Vorwand für die Ermordung von zehntausenden Angehörigen der Intelligentsia dienten angebliche oder tatsächliche Verbrechen an Volksdeutschen in den ersten Kriegstagen, etwa im Rahmen des sogenannten "Bromberger Blutsonntags". Unmittelbar hinter der Front rückten Angehörige der sogenannten Einsatzgruppen in Polen ein. Ihnen gehörten insgesamt etwa 3.000 Mann an, die sich aus Angehörigen von SS, Sicherheitsdienst und Polizei zusammensetzten, und in erster Linie die Erschießungen durchführten. Als zusätzliches Terrorinstrument fungierte der so genannte "Volksdeutsche Selbstschutz", der der SS unterstellt war. Allein in den ersten vier Monaten der deutschen Besatzungsherrschaft wurden mehrere 10.000 Personen erschossen. An den Hinrichtungen, deren geographischer Schwerpunkt die Region Westpreußen war, beteiligten sich neben den genannten Gruppen auch Angehörige der Gestapo und der Wehrmacht.
Dabei ist noch einmal zu betonen, dass es sich hier nicht um einzelne Exzesse handelte, die aus dem Klima des Hasses und den Zufälligkeiten des Krieges heraus entstanden, sondern um durchorganisierten Massenmord.
Die deutsche und sowjetische Besatzung: Terror und Genozid
Die Besatzungszeit hatte für große Teile der polnischen Zivilbevölkerung katastrophale Folgen. Die industriell und landwirtschaftlich entwickelten Teile wurden direkt annektiert. Der Rest mit etwa 10 Millionen Menschen wurde als so genanntes "Generalgouvernement" dem Reichminister Hans Frank unterstellt. Zu den übergreifenden Zielen der Besatzungspolitik im gesamten Gebiet gehörte 1.) die Ausschaltung und Vernichtung der polnischen Intelligenz, 2.) die Vorverlegung der deutschen Ostgrenze und die Erweiterung des "Lebensraums im Osten" und 3.) die Stärkung der deutschen Kriegswirtschaft durch rücksichtslose Ausbeutung des Arbeitskräftepotenzials und der materiellen Ressourcen Polens.
Der annektierte Teil sollte so schnell wie möglich "entpolonisiert" werden, und zwar teils durch direkte physische Vernichtung, teils durch Vertreibung der dort wohnenden etwa 8 Millionen Polen und Juden, teils durch "Germanisierung brauchbarer Volksbestände" und Neuansiedlung deutscher Minderheiten aus anderen Teilen Osteuropas, etwa der Deutschbalten, die nun ihre Heimat verlassen mussten. Das Generalgouvernement verstand Hitler als Reservoir billiger halbfreier Wanderarbeiter und als "Abladeplatz" im Reichsgebiet nicht mehr erwünschter Polen und Juden. Als die Deportationen infolge des Krieges mit der Sowjetunion im Juni 1941 beendet wurden, waren etwa 500.000 Polen vertrieben und durch etwa 350.000 volksdeutsche Umsiedler ersetzt worden. Weiter in Gang blieben dagegen die Deportationen von Polen als Zwangsarbeiter ins Reich, wovon während des Krieges allein aus dem Generalgouvernement etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen waren. In einer Reihe von Anweisungen wurde das Ziel der NS-Führung deutlich, die Polen auf die Stufe eines schlecht ausgebildeten Hilfsvolkes ohne politisches Eigenbewusstsein zu beschränken.
Auch die Polen, die unter sowjetische Herrschaft geraten waren, waren von Gewaltmaßnahmen betroffen. Man schätzt, daß ungefähr 1,5 Millionen ehemalige polnische Bürger deportiert wurden, von denen 50-60 Prozent Polen, 15 Prozent Ukrainer, 5 Prozent Weißrussen und ungefähr 20 Prozent Juden waren. 300.000 polnische Soldaten gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft, nur 82.000 von ihnen überlebten. Ein Großteil der Offiziere wurde durch sowjetische Truppen 1940 bei Katyn und in den Lagern von Starobielsk, Kozielsk und Ostaszków erschossen.
Holocaust
Ein noch schlimmeres Schicksal als die Polen traf die polnischen Juden, von denen 2,5 bis 3 Millionen in die deutschen Hände fielen. Dem wilden Terror, den Schikanen, Plünderungen und Pogromen der ersten Kriegswochen folgte die Übernahme der deutschen Verwaltungsbestimmungen: Kennzeichnungspflicht, Anmeldung des Vermögens, Zwangsarbeit, Reiseeinschränkungen, Sperrung der Konten, Arisierung des Besitzes.
Im Herbst 1940 begann die "Umsiedlung" in die Ghettos. Die größten wurden Litzmannstadt mit 160.000 Menschen und Warschau mit 450.000 Menschen. Da die Ghettos nicht in der Lage waren, sich selbst zu erhalten und auch eine wirtschaftliche Ausbeutung von entscheidenden Stellen nicht gewünscht wurde, war die Quote an Toten, oft aus Hunger und Krankheit, von Anfang an hoch. Nachdem die ursprünglichen NS-Pläne der Umsiedlung der Juden nach Madagaskar oder in den „Osten“ sich als undurchführbar erwiesen hatten, entwickelte sich seit Mitte 1941, nicht zufällig nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, das Planspiel einer systematischen Ausrottung der Juden, die sogenannte Endlösung der Judenfrage. Es ist unwahrscheinlich, dass es eine einzelne Entscheidung in Berlin zu dieser Frage gab, vielmehr radikalisierten sich die Maßnahmen gerade der lokalen Stellen im Laufe weniger Monate immer mehr (Erschießungen von "Kommissaren", dann jüdischer Männer, später auch Frauen und Kinder). Der Anfang im Reich war mit der planmäßigen Ermordung geistig und körperlich Behinderter im Rahmen des sog. Euthanasie-Konzeptes gemacht worden, die dabei angewandten Maßnahmen und Mittel konnten später im Osten teilweise übernommen werden.
Bis zur Mitte des Jahres 1942 wurden die Massenmorde zu einem Gesamtprogramm zur systematischen Ermordung der Juden unter deutscher Herrschaft ausgeweitet. Die Einzelheiten der praktischen Durchführung waren auf der Berliner Wannsee-Konferenz im Januar 1942 festgelegt worden. Nun begann auch die SS mit den Deportationen in die Vernichtungslager. Diese entstanden überwiegend auf polnischem Boden: Kulmhof, Bełżec, Sobibór, Treblinka, Auschwitz-Birkenau. Insgesamt verloren bis Kriegsende etwa 90% aller polnischer Juden ihr Leben. Es gab entgegen vielen Legenden durchaus Widerstand der Juden gegen die Deutschen, der mitunter von der polnischen Widerstandsbewegung unterstützt, manchmal jedoch auch desavouiert wurde. Bekanntestes Beispiel des Widerstands war der verzweifelte Aufstand im Warschauer Ghetto Anfang 1943.
Im Westen: Sikorski, das Exil und die Anders-Armee
In Großbritannien kämpfte seit 1940 das Erste Polnische Korps unter britischem Befehl. In der Sowjetunion entstanden nach 1941 zwei separate polnische Armeen.
Die eine, entstanden hauptsächlich aus Deportierten, verließ mit General Władysław Anders an der Spitze das Land, gelangte von Sibirien über den Mittleren Osten und Nordafrika schließlich nach Italien als Zweites Polnisches Korps der 8. Britischen Armee. Es umfasste anfangs etwa 200.000, später 400.000 Mann. Sie bewährten sich besonders in den Schlachten um Monte Cassino im Mai 1944 und um Arnheim im September des gleichen Jahres. Die andere Armee, 1943 als Erste Infanteriedivision Tadeusz Kościuszko gegründet, stand unter Befehl der sowjetischen Führung. Sie tauchte im März 1944 als Erste Polnische Armee unter General Zygmunt Berling an der Ostfront auf.
Je länger der Krieg andauerte, desto schwerer fiel es der zunächst in Paris, nach der deutschen Eroberung der Stadt in London ansässigen polnischen Exilregierung auf die Weltpolitik Einfluss zu nehmen. Nachdem Ministerpräsident Władysław Sikorski unter bis heute ungeklärten Umständen am 4. Juli 1943 bei einem Flugzeugabsturz vor Gibraltar ums Leben gekommen war, traten zunehmend auch innere Meinungsverschiedenheiten auf. Zudem verfolgte Stalin bezüglich Polens immer mehr eigene Interessen, die mit dem Vorrücken der Front immer konkretere Formen annahmen. Er nutzte die Forderung der Exilregierung nach der Entdeckung der Massengräber bei Katyn, das Verbrechen aufzuklären, zum Abbruch aller Kontakte und setzte von da an fast ausschließlich auf die sich in der Sowjetunion befindenden polnischen Kommunisten.
Der Widerstand
Durch Bildung von Partisanengruppen versuchten Polen auch nach der militärischen Niederlage Widerstand zu leisten.
Die meisten von ihnen schlossen sich im Februar 1942 zur so gen. "Heimatarmee" zusammen, die der bürgerlichen Exilregierung in London unterstand, der lediglich die rechtsradikalen Gruppen und die Kommunisten fern blieben. Es entstand auch eine Reihe jüdischer Widerstandsorganisationen, die schließlich 1943 den Aufstand im Warschauer Ghetto organisierten. Nachdem die Rote Armee im Januar 1944 die polnische Grenze von 1939 überschritten hatte, wurden die Truppen der Heimatarmee vom NKWD entwaffnet, ihre Offiziere erschossen oder in den Gulag geschickt. Der Kampf einzelner Untergrundeinheiten dauerte jedoch bis Ende der 1940er Jahre an.
Im Jahr 1944 folgte der Warschauer Aufstand, der in Deutschland oft mit dem Ghettoaufstand von 1943 verwechselt wird. Die Sowjetunion, deren Truppen bereits am Ostufer der Weichsel standen, hatte kein Interesse, die Einheiten der Heimatarmee zu unterstützen. So konnten deutsche Truppen den Aufstand brutal niederschlagen, die Zahl der Toten wird auf 180.000 geschätzt, früher wurde sogar die Zahl 250.000 genannt.
Dabei wurde die Innenstadt Warschaus unter großem Einsatz an Sprengmaterial akribisch Haus für Haus dem Erdboden gleichgemacht.
Zum Widerstand gehörte zudem ein beinahe flächendeckendes Netz von Untergrundeinrichtungen wie Schulen, Universitäten, Zeitungen und vieles mehr, die dazu beitrugen, das Leid der deutschen Besatzung für die Bevölkerung etwas erträglicher zu machen.
Das Ausmaß an Kollaboration war vor diesem Hintergrund im europäischen Kontext vergleichsweise gering und war, angesichts der enormen Leiden der polnischen Bevölkerung während der deutschen Besatzung, auch lange Zeit tabuisiert. Eine breite gesellschaftliche Debatte über polnische Täter wurde erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts anlässlich der durch das Buch "Nachbarn. Der Mord an den Juden von Jedwabne" des polnisch-amerikanischen Soziologen Jan Tomasz Gross' angestoßenen Aufarbeitung des Pogroms von Jedwabne geführt.
Die Volksrepublik 1945 - 1989
Im Juli 1944 war in Moskau das kommunistische "Polnische Komitee der nationalen Befreiung" (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego) ins Leben gerufen worden, das die Macht ergreifen sollte, sobald die Rote Armee die Curzon-Linie überschreiten würde. Dies geschah in Lublin am 22. Juli 1944 (daher auch der Name Lubliner Komitee). An der Spitze der neuen Führungsmannschaft stand der Altkommunist Bolesław Bierut. Eine gesellschaftlich akzeptierte kommunistische Bewegung hatte es im Polen der Zwischenkriegszeit - anders als in der benachbarten Tschechoslowakei - nie gegeben. Die Führung der alten Kommunistischen Partei Polens war weitgehend den Stalinschen Schauprozessen der 1930er Jahre zum Opfer gefallen.
Die auf alliierten Druck stattfindenden Verhandlungen zwischen "Londoner" und "Lubliner" Regierung führten zu keinem Ergebnis. Exilpremier Stanisław Mikołajczyk musste aufgrund des Drucks seiner Umgebung sogar zurücktreten, weil er als zu kompromissbereit erschien. Die internationalen Entscheidungen über Polens zukünftige Grenzen waren zu diesem Zeitpunkt längst gefallen (Konferenz von Teheran 1943). Sie führten zu der bekannten Westverschiebung des Landes, wobei die Curzon-Linie mit kleinen Veränderungen zur Ostgrenze wurde und die Flüsse Oder und Lausitzer Neiße die neue Westgrenze bildeten. Gleichzeitig vereinbarte man einen weitgehenden Bevölkerungsaustausch.
Am 1. Januar 1945 proklamierte sich das Lubliner Komitee zur provisorischen Regierung und zog noch im gleichen Monat in die Ruinen des befreiten Warschau um. Nachdem im Frühjahr 1945 die Rote Armee ganz Polen besetzt hielt und die 14 wichtigsten Anführer der Heimatarmee nach Moskau verschleppte, dort zu langjährigen Haftstrafen verurteilte und teilweise ermordete, war der Hauptwiderstand gegen die neue Besatzung und die "Sowjetisierung" der polnischen Gesellschaft gebrochen.
Die Konsolidierung des sowjetischen Regimes und die Versuche einer "nationalen Homogenisierung" 1945 - 1948
Im so genannten Potsdamer Abkommen von 1945 forderten die Alliierten angesichts der nach Kriegsende begonnenen wilden Vertreibung der Deutschen aus dem Osten den "humanen und geordneten Transfer" der Deutschen aus Polen, Tschechoslowakei und Ungarn (Artikel XIII, unter Bezugnahme auf die Gebietsdefinition in Artikel IX). Die Grundsatzentscheidung zugunsten von Zwangsumsiedlungen in Ostmittel- und Südosteuropa hatte das britische Kriegskabinett schon im Juli 1942 gefällt und sie wurde von Churchill in seiner Unterhausrede vom 15. Dezember 1944 in Bezug auf die Deutschen konkretisiert. Die ostdeutschen Gebiete jedoch sollten bis zur endgültigen Entscheidung durch eine Friedenskonferenz (die dann ausblieb und an deren Stelle schließlich der Zwei-plus-Vier-Vertrag im Jahre 1990 trat) unter polnische Verwaltung gestellt werden.
Polen vollzog - nach unter Historikern umstrittener Auffassung ohne Legitimation der (West-) Alliierten - nach dem Vorbild der NS-Politik aus der Kriegszeit in den ehemaligen ostdeutschen Gebieten eine ethnische Säuberung, indem fast alle dort lebenden Deutsche (ca. 9,8 Millionen Deutschen) vertrieben wurden. Damit wollte Polen der endgültigen Grenzziehung durch die Friedenskonferenz vorgreifen und einen fait accompli schaffen. Die polnische Exilführung trat schon frühzeitig für die
"Entdeutschung" der neuen "polnischen Gebiete" ein.
Bei der Vertreibung der Deutschen aus den durch die Alliierten unter polnische Verwaltung (Artikel IX, Potsdamer Abkommen) gestellten Teilen des ehemaligen Deutschen Reiches und Danzigs, wie dem südlichen Ostpreußen, Westpreußens, Pommerns, der Neumark Brandenburgs und Schlesiens, kam es zu zahllosen Misshandlungen und Morden an der wehrlosen Zivilbevölkerung. Aus den östlichen Teilen des heutigen Polens wurden in den Jahren 1944 bis 1946 etwa 500.000 Ukrainer in die Ukraine (zwangs)umgesiedelt, weitere etwa 400.000 wurden nach Niederschlesien und Pommern, also in die so genannten "wiedergewonnenen West- und Nordgebiete" Polens deportiert. Parallel dazu mussten etwa 1,5 Mio. Polen ihre Heimat im Osten verlassen. Zwischen 1945 und 1947 wurden so etwa 1 Million Polen aus der Ukraine, 300.000 aus Weißrussland und 200.000 aus Litauen nach Polen "repatriiert". Ein großer Teil von ihnen wurde in den ehemals deutschen Gebieten angesiedelt. Dorthin strömten darüber hinaus etwa 3 Mio. Neusiedler aus Zentralpolen und aus dem Westen zurückkehrende Polen.
Der im Juni 1945 gebildeten "Regierung der nationalen Einheit" gehörten außer Stanisław Mikołajczyk fast nur Vertreter der Linken an. In der Zeit bis 1947 gelang es den Kommunisten, ihre Position zu festigen. Ohne Unterstützung der Roten Armee wäre dies freilich nicht möglich gewesen. Da sich die Kommunisten auf die eigene Armee nur bedingt verlassen konnten, übernahmen neue Organisationen wie das Korps der Inneren Sicherheit - eine Art kasernierter Polizeitruppe - oder die "Bürgermiliz" die Bekämpfung des antikommunistischen Untergrunds. Als letzte verbliebene demokratische Partei wurde die Bauernpartei Mikołajczyks mit polizeilichen Maßnahmen und gefälschten Wahlen zunehmend an den Rand gedrängt. Mikołajczyk selbst floh schließlich 1947 ins Exil.
Der Stalinistische Terror und die Ära Bierut 1948 - 1956
Während unter den polnischen Kommunisten zunächst die Überzeugung vorherrschte, auf die völlige Übernahme des sowjetischen Systems verzichten zu können, wuchs nach 1947 Stalins Druck. Seiner Meinung nach wurden die notwendigen "revolutionären Schritte" zu zögerlich durchgeführt. Er verlangte vor allem einen forcierten Aufbau einer Schwerindustrie, die Übernahme des zentralen Planungssystems und eine rasche Kollektivierung der Landwirtschaft. Damit befand er sich im Widerspruch mit den eher nationalen Kräften in der polnischen Parteiführung unter ihrem Generalsekretär Władysław Gomułka, der eher Sympathien für das jugoslawische Modell Titos erkennen ließ.
Bald nach der Vereinigung von Kommunistischer und Sozialistischer Partei zur Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR, PVAP) im Frühjahr 1948 setzten sich die Vertreter der Stalinschen Linie durch. Mit Hilfe des mächtigen Sicherheitsapparates schaltete Bolesław Bierut seinen Rivalen Gomułka vorläufig aus und ließ ihn später internieren. Im Rahmen von Partei und Gesellschaft wurden radikale Säuberungen und Umstrukturierungen durchgeführt. Im kulturellen Bereich begann die vorübergehende Herrschaft des Sozialistischen Realismus. Diese Phase endete mit dem Tode Stalins 1953, ohne dass wie in anderen Ländern unter sowjetischer Herrschaft Schauprozesse gegen in Ungnade gefallene kommunistische Politiker durchgeführt wurden. Es folgten Lockerungen im kulturellen Bereich, die schlimmsten Exzesse des Staatssicherheitsdienstes wurden beendet.
Im außenpolitischen Bereich wurden die nationalistischen Angriffe auf Deutschland durch die Theorien des dialektischen Materialismus ersetzt, so dass nunmehr die USA und Großbritannien sowie die Bundesrepublik Deutschland und der Vatikan zu Hauptgegnern wurden, während man eine Annäherung zur DDR suchte, die nach einigem Zögern auf Moskauer Druck im Görlitzer Vertrag vom 6. Juli 1950 die Oder-Neiße-Grenze anerkannte.
Der Polnische Oktober 1956 und die Ära Gomułka 1956 - 1970
Die Abrechnung des KPdSU-Chefs Nikita Chruschtschow mit den Verbrechen Stalins während des XX. Parteitages im Februar 1956 fiel zusammen mit dem überraschenden Tod des polnischen Parteichefs Bolesław Bierut in Moskau wenige Tage später. Gegen den Willen des neuen Kremlchefs einigte sich die in sich zerstrittene Parteiführung der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) auf den Kompromisskandidaten Edward Ochab als Nachfolger Bieruts.
Wie wenig gefestigt das politische System war, erwies sich schon im Juni des gleichen Jahres, als Tausende von Arbeitern im westpolnischen Posen streikten. Aus dieser Bewegung, die zunächst materielle Hintergründe hatte, wurde rasch ein politischer Aufstand, den die Parteiführung blutig niederschlagen ließ. Dabei kamen nach offiziellen Angaben 74 Menschen ums Leben, über 500 wurden verletzt.
Der Streit über das weitere Vorgehen vertiefte den Konflikt im Politbüro. Verschärft wurde die Lage durch die politische Entwicklung in Ungarn, wo sich tiefgreifende Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft abzeichneten. Während die stalinistische Fraktion in Polen (nach ihrem Treffpunkt auch "Natolin-Gruppe" genannt) für eine Fortsetzung des politischen Kurses plädierte, sprachen sich die Liberalen (auch "Puławy-Gruppe" genannt) für eine gesellschaftliche Reformbewegung aus, die die "Diktatur des Proletariats" allerdings nicht antasten wollte. Letztere setzten sich schließlich durch. Der stalinistische Wirtschaftschef Hilary Minc wurde zum Rücktritt gezwungen, der rehabilitierte ehemalige Generalsekretär Władysław Gomułka kehrte im Triumph an die Macht zurück, obwohl Moskau dem zunächst nicht zustimmen wollte, seine Truppen mobilisierte und die komplette Parteiführung zu einem unangemeldeten Blitzbesuch in Warschau eingetroffen war. Schließlich gab man nach und der bisherige polnische Verteidigungsminister Marschall Konstanty Rokossowski - ein sowjetischer Staatsbürger, über seinen Vater polnischer Herkunft - wurde in seine Heimat zurückgerufen.
Schon in seiner ersten Rede kündigte Gomułka tiefgreifende Reformen an. Im kirchlichen und kulturellen Bereich wurde ein größerer Freiraum zugestanden, die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft wurde beendet, eine Reorganisation des gesamten Wirtschaftssystems zugesagt. Bald zeigte sich jedoch, dass diesen Worten nur wenige Taten folgten: liberale Zeitschriften wurden wieder verboten, der staatliche Religionsunterricht abgeschafft. Gegen Abtrünnige in den eigenen Reihen begann die Parteiführung massiv vorzugehen. Zwei Studenten, die "endlich einen echten Kommunismus für Polen forderten" wurden 1965 zu Haftstrafen verurteilt. Einer von ihnen war der spätere Dissident und Minister Jacek Kuroń. Ein Jahr später wurde der bekannte marxistische Philosoph Leszek Kołakowski aus der Partei ausgeschlossen.
Angesichts der Feiern zum Millennium des christlichen Polens im Jahre 1966 steuerte die Auseinandersetzung zwischen Staat und der katholisch-polnischen Kirche auf einen neuen Höhepunkt zu, die auch das Deutungsmonopol über die polnische Geschichte zum Thema hatte. Hinzu kamen außenpolitische Verwerfungen, vor allem vor dem Hintergrund der nach 1956 wieder verstärkten anti(west)deutschen Agitation.
Polen, das von Anfang an Mitglied des Warschauer Paktes und des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW,"Comecon") war, hatte Ende der 1950er Jahre verschiedentlich versucht, seine Eigenständigkeit zu betonen, etwa im Zusammenhang mit einem Plan zur atomaren Abrüstung in Mitteleuropa ("Rapacki-Plan"). Im Großen und Ganzen passte man sich aber der Moskauer Linie an, um dafür etwas Eigenständigkeit im Inneren bewahren zu können. Der Brief der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder aus dem Jahre 1965, der die bekannte Formulierung "wir vergeben und bitten um Vergebung" enthielt, wurde - obwohl er nicht die gewünschte Resonanz bei den deutschen Bischöfen fand - als ein Affront gegen die kommunistische Parteiführung empfunden, die nach vorsichtigen Versuchen, diplomatische und wirtschaftliche Kontakte mit der Bundesrepublik aufzunehmen, mangels positiver Reaktionen im Westen wieder zu ihrer alten Haltung zurückgekehrt war. Auch das Verhältnis zur DDR gestaltete sich in jenen Jahren nicht besonders positiv und war von Ressimentiments auf beiden Seiten geprägt.
Im kulturellen Bereich waren die ersten Jahre der Gomułka-Herrschaft durchaus von positiven Entwicklungen geprägt. In den Jahren der so genannten "kleinen Stabilisierung" (benannt nach einem Theaterstück von Tadeusz Konwicki) entstand eine Reihe wichtiger Werke in Literatur, Kunst und im Kinobereich, etwa die ersten Filme von Andrzej Wajda, Andrzej Munk und Roman Polański.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre spitzten sich die innerparteilichen Konflikte in der PVAP zu. Eine Gruppe von kommunistischen Kadern, die sich durch ihren Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg besonders verbunden fühlte (die so gen. "Partisanen"), drängte unter ihrem Anführer, Innenminister General Mieczysław Moczar, an die Macht. Moczar baute Geheimdienst und Bürgermiliz aus und schuf sich eine breite Anhängerschaft innerhalb der Bevölkerung, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung äußerst unzufrieden war. Die offizielle Propaganda gegen Israel wegen des Sechstagekriegs im Jahre 1967 und die sogenannten Märzereignisse im März 1968 nahm Moczar zum Anlass, die erste staatlich tolerierte und geförderte antisemitische Kampagne gegen Juden, die in einem europäischen Land nach 1945 ohne Beispiel war, zu starten, um die kritischen und liberalen Intellektuellen, sowie wirkliche und potenzielle Oppositionelle mundtot zu machen und sich die Macht im polnischen Staat zuzuschanzen. Als Folge davon wurden etwa 20.000 polnische Juden in den Jahren 1968/1969 zum Verlassen Polens, unter Verlust der polnischen Staatsbürgerschaft, getrieben. Zusätzlich griffen Proteste im Zusammenhang mit dem "Prager Frühling" auf das Land über. Die auf die Absetzung der Aufführung des Theaterstücks Dziady von Adam Mickiewicz in Warschau folgenden Studentenproteste wurden gewaltsam niedergeschlagen. In der PVAP setzte eine Säuberungswelle ein, der u.a. Außenminister Adam Rapacki zum Opfer fielen.
Parteichef Gomułka war zunächst weder Willens noch in der Lage, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Erst allmählich distanzierte er sich vorsichtig von seinem Innenminister. Gleichzeitig versuchte er, durch außenpolitische Anstrengungen der Krise seiner Herrschaft entgegen zu treten. Nachdem der gesellschaftliche Dialog zwischen der Bundesrepublik und Polen bereits zu Beginn der 1960er Jahre in Gang gekommen war (Tübinger Memorandum 1961, EKD-Denkschrift 1965 etc.) hatte die Große Koalition Kiesinger/Brandt 1966 den Boden für eine neue Ostpolitik bereitet, die die neue sozialliberale Koalition Brandt/Scheel nach 1969 fortsetzte. Vor diesem Hintergrund erklärte sich Gomułka zu offiziellen Verhandlungen bereit, die in erster Linie der Frage der polnischen Westgrenze zum Thema haben sollten. Nachdem Bonn mit Moskau zu einer Vertragsvereinbarung bezüglich des deutsch-sowjetischen Verhältnisses gelangt war, kamen Ende 1970 auch die Verhandlungen mit Polen zu einem Abschluss.
Der Unterzeichnung des Vertrages in Warschau, der die Oder-Neiße-Grenze aus westdeutscher Rechtsposition bestätigte, wie es die DDR schon im Görlitzer Vertrag von 1950 getan hatte, einen gegenseitigen Gewaltverzicht und die Bereitschaft zu weiterer politischer Zusammenarbeit beinhaltete, folgte als symbolischer Höhepunkt der legendäre Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 7. Dezember 1970, der in der Bundesrepublik teilweise heftig kritisiert wurde, für die Polen aber - obwohl offiziell kaum darüber berichtet wurde - einen entscheidenden Einschnitt in den Nachkriegsbeziehungen darstellte. [1]
Die Herrschaft Gomułkas konnte dieser außenpolitische Erfolg freilich nicht mehr retten. Knapp zwei Wochen nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages führten plötzlich verkündete radikale Preiserhöhungen für Lebensmittel zu Arbeiterprotesten. Ausgehend von den großen Werften in Danzig und Stettin brachen in den Industriezentren Unruhen aus, die von Plünderungen und Brandstiftungen begleitet waren. Erst der Einsatz von Militär konnte den Aufruhr stoppen, dem 45 Menschen zum Opfer fielen, über 1000 wurden verletzt. Das Politbüro entschied sich daraufhin dafür, Parteichef Gomułka zu opfern und zwang ihn zum Rücktritt.
Die Ära Gierek 1970 - 1980
Gomułkas Nachfolger, der oberschlesische Parteifunktionär Edward Gierek, genoss in weiten Teilen der Bevölkerung große Sympathien. Ihm gelang es, große Teile der alten Kader rasch auszuwechseln. Seine neue Wirtschaftspolitik stand unter dem Schlagwort von der besseren Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung. Mit Lohn- und Rentenerhöhungen sollte der allgemeine Lebensstandard angehoben werden. Die eingeleiteten Reformen (größere Unabhängigkeit der Regierung von der kommunistischen Partei, Erweiterung der Arbeitermitbestimmung, Änderung der Verwaltungsstrukturen etc.) bewirkten in der Praxis aber eher noch einen Machtzuwachs der PVAP auf allen Ebenen.
Die Ansätze einer umfassenden Modernisierung der Wirtschaft lagen vor allem im Bereich der Schaffung neuer Strukturen, deren Verfahren und Produktionsstätten im Westen auf Kredit eingekauft wurden. Die Rückzahlung sollte durch den Verkauf der erzeugten neuen Produkte ins Ausland erfolgen. Diese Bemühungen bewirkten in der Tat gerade im psychologischen Bereich positive Veränderungen. Die größere Produktpalette und die steigende Kaufkraft erweckten den Anschein einer Annäherung an die Konsumgesellschaften des Westens, weswegen auch im Rückblick heute viele Polen die Gierek-Zeit besonders positiv in Erinnerung haben. In Wirklichkeit war aber die Zentrale Wirtschaftsplanungskommission nicht in der Lage, die unterschiedliche Entwicklung in verschiedenen Wirtschaftszweigen aufeinander abzustimmen.
In der Außenpolitik verbesserte sich das Verhältnis zur Bundesrepublik weiter, u.a. wegen der "Männerfreundschaft" zwischen Gierek und dem neuen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die Öffnung der Grenze zur DDR schuf jedoch aufgrund der ökonomischen Unterschiede zwischen beiden Ländern eine Reihe von Spannungen.
Die innenpolitischen Daumenschrauben wurden Mitte der 1970er Jahre allmählich wieder angezogen, was die Unterdrückung von Gegenstimmen zur neuen, sozialistischen Verfassung deutlich zeigte. Als im Juni 1976 die Preise für Grundnahrungsmittel drastisch erhöht wurden, kam es in den industriellen Zentren Radom und Ursus bei Warschau zu Unruhen. Die Preiserhöhungen wurden daraufhin zwar zurückgenommen, gleichzeitig aber eine große Anzahl von Arbeitern entlassen, verhaftet und sogar zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.
Während es bis dahin keine klare Trennungslinien innerhalb der polnischen Gesellschaft gab und die Reformdiskussionen bis weit in die PVAP hinein geführt wurden, entwickelten sich nun erstmals deutlich oppositionelle Gruppierungen in Polen selbst. Führende Intellektuelle gründeten am 23. September 1976 das "Komitee zur Verteidigung der Arbeiter" (Komitet Obrony Robotników, KOR). Der zunehmende Druck der öffentlichen Meinung verhinderte in der Folgezeit repressive Maßnahmen der Parteiführung. In den nächsten Jahren gründeten sich weitere Bürgerrechtsorganisationen. Gleichzeitig engagierte sich die katholische Kirche unter ihrem Primas Stefan Kardinal Wyszyński zunehmend stärker. Ihre besondere Stellung wurde untermauert durch die mit Begeisterung aufgenommene Wahl des Krakauer Erzbischofs Karol Wojtyła zum Papst am 16. Oktober 1978 und dessen triumphale erste Polenreise ein halbes Jahr danach.
Zu Beginn des neuen Jahrzehnts zeichnete sich angesichts der immer größeren wirtschaftlichen Probleme ab, dass auch die Zeit des einstmals bejubelten Edward Gierek abgelaufen war.
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